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bruno bucheli - 29. mai 2026

die 10-millionen-schweiz

Am 14. Juni 2026 stimmen in der Schweiz die Stimmberechtigten über die Nachhaltigkeitsinititive der SVP ab. Wie die Partei mit "Wir sind zu viele" und "Fremde raus" ihre politischen Ziele durchsetzen will: Eine Unternehmer-Schweiz, wo Angestellte möglichst wenig Rechte haben.

Zumutung

Gedanken zu einem anschaulichem Beispiel von der überfüllten S9 nach Dübendorf.

Keine gescheite Lüftung: Technisches Problem.

Wagen 1. Klasse fast leer: Marktwirtschaftliches Problem.

Kein weiterer Wagen angehängt: Logistisches Problem.

Aber schuld sein soll die Zuwanderung?

PS: Dass Sie (und viele andere) in Zürich arbeiten, aber nicht in Zürich wohnen, hat sehr viel mit Raumplanung, Bodenpreisen, Wirtschafts- und Steuerpolitik und wenig bis gar nichts mit Zuwanderung zu tun.

Danke an Seyfert für die Anregung.

Weckruf

Die hohe Zustimmung zur 10-Millionen-Schweiz ist ein Weckruf für den Bundesrat.

Sie ist vorallem ein Zeichen, wie salonfähig Fremdenfeindlichkeit geworden ist.

Für die Initianten sind die Menschen nur Zahlen und bestenfalls Arbeitskräfte. Als Erstes nennt die Initative den Familiennachzug, der eingeschränkt werden muss. Als Zweites werden Menschen, die weniger als 12 Monate in der Schweiz sind, zum Arbeiten, versteht sich, nicht an die 10 Millionen angerechnet.

Bis jetzt hat mir keiner gesagt, Herr Bucheli, dass steht im Fall nicht in der Initiative. Ich finde es ja schon komisch, dass man explizit erwähnen muss, dass Personen, die weniger als 12 Monate in der Schweiz arbeiten, nicht zu den 10-Millionen gerechnet werden, wenn 10 Millionen genug sind.

Danke an Marcello Odermatt und Larissa Rhyn für die Anregung.

Druck

Die Initiative setzt die Wirtschaft nicht unter Druck. Die Unternehmer*innen können weiterhin so viele Arbeitskräfte ins Land holen, wie sie brauchen. Warum wohl steht ausdrücklich in der Initiative, dass Personen, welche weniger als 12 Monate in der Schweiz arbeiten (und wohnen), nicht an die 10 Millionen angerechnet werden?

Die Initiative ist keine taugliche Lösung. Wir schreiben damit nur ein paar Punkte in die Verfassung (Kündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU z.B.), welche uns zusätzliche Probleme bringen werden.

Das bürgerlich dominierte Parlament hat bisher wenig bis gar nichts unternommen, um die wirklichen Herausforderungen im Land anzugehen und zu lösen. Die SVP hat auch nichts getan, ausser den Ausländer*innen die Schuld zu geben für das, was nicht rund läuft.

Wir sind ein freies Land. Jede und jeder Stimmberechtigte darf glauben, dass die SVP-Initiative etwas ändern wird an dem, was nicht rund läuft. Ich glaube es nicht.

Im Initiativtext finde ich ausser schwammigen Formulierungen nichts dazu. Was in der Initiative konkret formuliert ist, zeigt in eine andere Richtung:

Arbeitskräfte Ja, Menschen Nein. Ich sage dazu: Nein Danke. Nein zur SVP-Initiative.

Danke an Andreas Berg für die Anregung.

Menschen

Die Initiative macht es möglich, dass jedes Jahr eine unbestimmte Anzahl Personen für maximal 11 Monate zum Arbeiten in die Schweiz geholt werden kann. Sie werden nicht an die 10 Millionen angerechnet, weil sie weniger als 12 Monate hier sind (steht klar im Iniativtext).

Gleichzeitig schränkt die Initiative den Familiennachzug ein und vorläufig Aufgenommene bekommen nie ein Bleiberecht, nie.

Man kann das, was die Initiative will, so zusammenfassen:

Arbeitskräfte Ja, Menschen Nein. Ich sage dazu: Nein Danke. Nein zur SVP-Initiative.

Danke an P.R. für die Anregung.

Offenheit

Eine offene und tolerante Schweiz. Ich gehöre zufällig zu denen, die mit der Geburt automatisch Schweizer Staatsangehörige wurden.

Was die SVP seit 50 Jahren zelebriert (ich bin siebzig, ich habe es miterlebt), ist das pure Gegenteil von Offenheit und Toleranz, das pure Gegenteil einer Schweiz, wie ich sie mir wünsche.

Für mich ist das einer von vielen Gründen (man lese den Initiativtext), am 14. Juni 2026 Nein zu stimmen.

Danke an Maria K. für die Anregung.

Zahlen

Ach, die Zahlen. Sie sehen so ehrlich aus, so unbestechlich. Deshalb kann man gut mit Zahlen jonglieren. Denken Sie ans Einmaleins. Da wird aus 7 plötzlich 49. Also:

1999, Kosovo-Krieg, 46'000 Asylgesuche. Was mich interessiert:

Wieviele dieser Asylgesuche wurden angenommen, wieviele wurden abgelehnt, wieviele wurden gar nicht abschliessend behandelt, weil die Gesuchstellenden vorher weiter sind in ein anderes Land?

Wieviele der Gesuchstellenden sind seither zurück in ihr Heimatland?

Wieviele sind seither in ein anderes Land?

Wieviele leben noch in der Schweiz?

Wieviele von ihnen sind heute Schweizer Staatsbürger*innen?

Warum stelle ich solche Fragen? Sie zeigen, welch unterschiedliche Lebensläufe von Menschen sich hinter der Zahl 46'000 verstecken.

Seit 2002 haben gemäss Ihren Zahlen im Schnitt jährlich rund 21'000 Menschen in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt.

Was ist aus diesen Menschen geworden? Wie viele von ihnen sind inzwischen verstorben? Wieviele leben nicht mehr in der Schweiz? Wieviele haben hier ein neues Leben aufgebaut?

Haben Sie Zahlen dazu?

Danke an Marco Bruzzano für die Anregung.

Schwammig

Beim Unterschreiben eines Vertrags zählt am Ende, was drin steht, und nicht was, mir der Verkäufer vorschwatzt.

Fremdenfeindlichkeit ist bei der SVP seit 50 Jahren Programm. Das kleine Häufchen von James Schwarzenbachs Republikanischer Bewegung, alias Nationale Aktion, alias Schweizer Demokraten ist aufgegangen in der Schweizerischen Volkspartei des Unternehmers Christoph Blocher.

Das wahre Ziel der 10-Millionen-sind-genug-Initiative ist eine unternehmerfreundliche Schweiz mit Angestellten, die möglichst wenig Rechte haben.

Wer den Initaitvtext studiert, stellt fest, dass da viel Schwammiges drin steht zu explodierenden Mieten, überfüllten Pendlerzügen, verstopften Strassen, überlasteten Spitälern usw. Da wird sich wenig bis nichts ändern.

Sehr Konkretes steht auch in der Initiative: Der Familiennachzug wird eingeschränkt (hier arbeiten Ja, Familie mitnehmen Nein danke). Vorläufig Aufgenommene erhalten kein Bleiberecht mehr (sie machen etwa 2% der Bevölkerung aus). Internationale Verträge müssen neu ausgehandelt, bzw. gekündigt werden, allen voran das Personenfreizügigkeits-Abkommen mit der EU. Menschen, die höchstens 11 Monate in der Schweiz arbeiten und wohnen, werden nicht zu den 10 Millionen gerechnet. Die Unternehmer können also weiterhin so viele Arbeitskräfte ins Land holen, wie sie brauchen.

Danke an Michael Marti für die Anregung.

Schlampig

Schlampig formulierte Initiative? Das ist sie, was die Probleme betrifft, welche wir haben: explodierende Mieten, überfüllte Pendlerzüge, verstopfte Strassen usw. Es ist auch nicht das Ziel der SVP-Oberen, da viel zu ändern.

Daneben hat die Initiative akkurat ausgearbeitete Teile. Da geht es um eingeschränkten Familiennachzug, vorläufig aufgenommene Asylsuchende (etwa 2 % der 2,5 Millionen Ausländer*innen in der Schweiz), internationale Verträge, die neu verhandelt, bzw. gekündigt werden müssen, explizit die Personenfreizügigkeit, integraler Bestandteil der Bilateralen Verträge mit der EU. Dazu ein Passus, der in bestem Juristendeutsch festlegt, dass Personen, welche höchstens 11 Monate in der Schweiz arbeiten (und wohnen), nicht an die 10 Millionen angerechnet werden.

Mit der Initiative wird in der Verfassung der Grundstein gelegt für eine unternehmerfreundliche Schweiz mit Angestellten, die möglichst wenig Rechte haben.

Die SVP-Oberen haben noch nie geschlampt, um ihre Ziele zu erreichen. Sie arbeiten seit 50 Jahren zielstrebig und konsequent dafür. Ebenfalls seit 50 Jahren erzählen sie stimmig und konsequent eine Geschichte, um ihre Anhängerschaft zu begeistern und über die wahren Ziele zu täuschen. Sie brauchen Wähler*innen, um an die Macht zu kommen.

Erstmals haben sie in diesem Abstimmungskampf die Strategie geändert. Kein Sünneli auf den Plakaten. Es sollte nicht nach SVP aussehen. Ein Hinweis, dass sie in neuen Gewässern fischen gehen. Rechts ist alles bei der SVP.

Danke an U. Villiger für die Anregung.

Realitätscheck

Realitätscheck in einem SBB Zug: Dass wir jetzt volle Züge haben, wird eine Initiative, die (man lese den Text der Initiative) als konkrete Massnahmen festlegt, man müsse den Familennachzug einschränken, und Personen, die nur 11 Monate in der Schweiz arbeiten und wohnen, werden nicht zu den 10 Millionen gerechnet, und man müsse allenfalls die Verträge mit der EU kündigen, eine solche Initiative ist ziemlich zahnlos, wenn es um volle Pendler-Züge geht.

Warum die Menschen pendeln, daran ändert sich mit der Initiative null komma gar nichts. Bis jetzt habe ich noch nicht erlebt, dass der Glaube wirklich Berge versetzt.

Danke an Patrick Daniel Tanner für die Anregung.

Zubetoniert

Wegen der Zuwanderung droht eine massive Zubetonierung der Schweiz. Soso. Die Schweiz ist schon länger massiv zubetoniert. Die meisten haben das bisher einfach verdrängt. Weil: Wir müssten unsere Lebensgewohnheiten ändern müssten.

Dann hatten die SVP-Strategen, die seit Jahrzehnten Ausländerfeindlichkeit predigen und ausländische Unternehmer mit Steuergeschenken in die Schweiz locken, eine clevere Idee: 10 Millionen sind genug.

Jetzt reden alle davon, dass es mit der zubetonierten Schweiz nicht weitergehen kann, und viele finden: Ja, 10 Millionen sind genug.

Weil alle Alarm! Alarm! Alarm! rufen, schauen die wenigsten, was denn drin steht in der Initiative. Da geht es nämlich konkret um ausländische Arbeitskräfte à la Saisonnier-Statut und die Kündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU. Damit kommt die SVP ihrem Ziel näher: Eine Unternehmer-Schweiz, wo Angestellte möglichst wenig Rechte haben. Voilà, so ist das.

Danke an Andrea Müllrer für die Anregung.

Unternehmer

Die Zuwanderungs-Initiative lässt sich nicht mit der Schwarzenbach-Initiative gleichsetzen.

Man kann es so sagen: Es geht um genau das Gleiche, nur das Vokabular hat sich der Zeit angepasst.

Ausserdem steht heute nicht eine kleine Aussenseiterpartei hinter der Initiative, sondern eine klar fremdenfeindliche und unternehmerfreundliche Partei mit über 25% Wähleranteil. Abzustreiten, dass die SVP unternehmerfreundlich und fremdenfeindlich politisiert, kann nur jemand, der die letzten 50 Jahre nicht hingeschaut hat.

Ein Detail: Die SVP hat von Beginn weg dafür gesorgt, dass es rechts von ihr keine ernstzunehmende Partei gibt. Die "Republikanische Bewegung" von James Schwarzenbach ist heute eine national völlig unbedeutende Partei. Sie nannte sich später "Nationale Aktion", dann "Schweizer Demokraten". Wer hat diese Namen in den letzten fünfzehn, zwanzig Jahren irgendwo gelesen oder gehört, wenn es nicht um Vergangeheit ging?

Danke an Dieter Sprenger für die Anregung.

Geschichten

Wir Menschen funktionieren nicht so logisch. Meistens überzeugt einem eher das, was man eh schon glaubt. Zudem sind wir Gewohnheitstiere, auch in unseren Einstellungen: Was wir viel hören, das glauben wir eher. Ob stimmt oder nicht, was wir hören, ist zweitrangig.

Die Geschichten, die wir erzählen und verbreiten, formen uns und unsere Mitmenschen mehr, als die Fakten, die diesen Geschichten zugrunde liegen. Man kann, und das ist die Schwierigkeit in einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung, aufgrund der gleichen Faktenlage zwei völlig gegensätzliche Geschichten erzählen.

Die SVP erzählt seit langem eine sehr kohärente Geschichte. Sie hat auch eine langjährige klare Strategie, wie sie diese Geschichte für die Umsetzung ihrer politischen Ziele einsetzt. Die Geschichte und die Ziele müssen übrigens nicht deckungsgleich sein.

Die Grünen und die SP erzählen ebenfalls eine stimmige Geschichte. Mich dünkt, sie nutzen ihre Geschichte strategisch noch zu wenig für die Umsetzung ihrer politischen Ziele.

Die Mitte hat noch keine stimmige Geschichte, darum nützt ihr auch das strategische Potenzial, das sie hat, wenig.

Weder eine Geschichte noch eine Strategie sehe ich aktuell bei der FDP.

Ich bin abgeschweift. Verzeihen Sie. Die politische Auseinandersetzung um die Zukunft der Schweiz ist ja mit der Abstimmung vom 14. Juni 2026 nicht zu Ende.

Danke an Kevin Müller für die Anregung.

Angestossen zu den Texten haben mich Berichte und Kommentare im Zusammenhang mit der Abstimmung vom 14. Juni 2026 über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative der SVP.

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